Mittwoch, 19. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung


Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen 
ein Außen? Auf welches Weh 
legt man solches Linnen ? 
Welche Himmel spiegeln sich drinnen 
in dem Binnensee 
dieser offenen Rosen, 
dieser sorglosen, sieh: 
wie sie lose im Losen 
liegen, als könnte nie 
eine zitternde Hand sie verschütten. 
Sie können sich selber kaum 
halten; viele ließen 
sich überfüllen und fließen 
über von Innenraum 
in die Tage, die immer 
voller und voller sich schließen, 
bis der ganze Sommer ein Zimmer 
wird, ein Zimmer in einem Traum. 

Rainer Maria Rilke
2.8.1907, Paris

Rosen betrachten
Paris: Rainer Maria Rilke wohnte vom 6. Jun-31. Oktober 1907 in  29, rue Cassette, Paris
[Google-Maps-Paris, 29. Rue Casette]

RAINER MARIA RILKE 1875-1926

Geo [::.]
Maison Courtenay
QUOD VERUM TUTUM

Dienstag, 18. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung

Der Abenteuerer

            VII
Wenn er unter jene welche waren 
trat: der Plötzliche, der schien, 
war ein Glanz wie von Gefahren 
in dem ausgesparten Raum um ihn, 

den er lächelnd überschritt, um einer 
Herzogin den Fächer aufzuheben: 
diesen warmen Fächer, den er eben 
wollte fallen sehen. Und wenn keiner 

mit ihm eintrat in die Fensternische 
(wo die Parke gleich ins Träumerische 
stiegen, wenn er nur nach ihnen wies), 
ging er lässig an die Kartentische 
und gewann. Und unterließ 

nicht, die Blicke alle zu behalten, 
die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen, 
und auch die in Spiegel fielen, galten. 
Er beschloss, auch heute nicht zu schlafen 

wie die letzte lange Nacht, und bog 
einen Blick mit seinem rücksichtslosen 
welcher war: als hätte er von Rosen 
Kinder, die man irgendwo erzog. 

            VII
In den Tagen - (nein, es waren keine), 
da die Flut sein unterstes Verlies 
ihm bestritt, als wär es nicht das seine, 
und ihn, steigend, an die Steine 
der daran gewöhnten Wölbung stieß, 

fiel ihm plötzlich einer von den Namen 
wieder ein, die er vor Zeiten trug. 
Und er wusste wieder: Leben kamen, 
wenn er lockte; wie im Flug 

kamen sie noch warme Leben Toter, 
die er, ungeduldiger, bedrohter, 
weiterlebte mitten drin; 
oder die nicht ausgelebten Leben. 
und er wusste sie hinaufzuheben, 
und sie hatten wieder Sinn. 

Oft war keine Stelle an ihm sicher, 
und er zitterte: Ich bin - - - 
doch im nächsten Augenblicke glich er 
dem Geliebten einer Königin. 

Immer wieder war ein Sein zu haben: 
die Geschicke angefangner Knaben, 
die, als hätte man sie nicht gewagt, 
abgebrochen waren, abgesagt, 
nahm er auf und riss sie in sich hin; 

denn er musste einmal nur die Gruft 
solcher Aufgegebener durchschreiten, 
und die Düfte ihrer Möglichkeiten 
lagen wieder in der Luft. 

Rainer Maria Rilke

I: 5.9.1907 und Frühsommer 1908, 
II: 22.8.-5.9.1907, Paris.
Rilke wohnte damals bis Oktober 1907 in 29. Rue Casette, Paris
[Google-Maps-Paris, 29. Rue Casette]

RAINER MARIA RILKE 1875-1926

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Montag, 17. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung

Honoré Daumier : Narziss

siehe oben.
Narziss

Dies also. dies geht von mir aus und löst
sich in der Luft und im Gefühl der Haine,
entweicht mir leicht und wird nicht mehr das Meine
und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.

Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,
ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;
doch alle meine Grenzen haben Eile,
stürzen hinaus und sind schon dort.

Und selbst im Schlaf. Nichts bindet uns genug.
Nachgiebig Mitte in mir, Kern voll Schwäche,
der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug
von allen Stellen meiner Oberfläche.

Was sich dort bildet und mir sicher gleicht
und aufwärts zittert in verweinten Zeichen,
das mochte so in einer Frau vielleicht
innen entstehn; es war nicht zu erreichen,

wie ich danach auch drängend in sie rang.
Jetzt liegt es offen in dem teilnahmslosen
zerstreuten Wasser, und ich darf es lang
anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.

Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin
ist nichts, als Gleichmut überstürzter Steine,
und ich kann sehen, wie ich traurig bin.
War dies mein Bild in ihrem Augenscheine?

Hob es sich so in ihrem Traum herbei
in süßer Frucht? Fast fühl ich schon die ihre.
Denn, wie ich mich in meinem Blick verliere:
ich könnte denken, dass ich tödlich sei.

Rainer Maria Rilke

April 1913, Paris
Gesammelte Werke, Band III
Rilke wohnte damals in : 17 Rue Campagne Première, Paris, Frankreich
[Maps-Google-Paris : 17 Rue Campagne Première, Paris, Frankreich]

John William Waterhouse, Echo und Narziss, 1903.
RAINER MARIA RILKE 1875-1926
 
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Sonntag, 16. Juni 2013

Rilke und Rosen ....

Ernst Barlach. Russische Bettlerin I. 1907.
In einem meiner letzten Posts habe ich über eine 
Anekdote um Rainer Maria Rilke  ●  Die Rose . . . . 
berichtet, man kann es auch mit:  Die Bettlerin und die Rose betiteln, 
oder wie es ein anderer Autor (Hans Franck) macht in: Das Herzgeschenk..
um zu sehen worauf es hinaus läuft, um die Quintessenz dieses Stückes zu verstehen.

Man muss dem Herzen schenken!

Während seines erslen Aufenthaltes in Paris ging der deutsche Schriftsteller
Rainer Maria Rilke(1875-1926) jeden Mittag in der Begleitung einer jungen
Französin an einer alten Bettlerin vorbei. Stumm, starr, unbeweglich und
unbeteiligt saß sie Tag für Tag auf einem Mauerstück eines öffentlichen Gar-
tens. Zu keinem Geber sah sie auf. Sie bat nicht und dankte nicht. Hatte ei-
ner ein Geldstück in ihren Handteller gelegt, dann nolte sie die Hand zu sich
zurück, ließ die Münze in ihrer Kleidertasche verschwinden und schickte die
aufgetane Hand wieder von sich fort.

Während nun die Französin die Bettlerin stets mit einer ansehnlichen Gabe
bedachte, spendete Rilke keinen Sou. "Man müsste ih-em Herzen schenken,
nicht ihrer Hand", sagte er ihr, als sie sich über sein Verhalten wunderte. Am
nächsten Mittag trug der Dichter eine kaum erblühte weiße Rose zart, behut-
sam und gütig zwischen den Spitzen seiner Finger. Über das Gesicht der
Freundin lief Freudenröte. Sie dachte: "Mir eine Rose aus der Hand Rainer
Maria Rilkes!" Doch sie bekam die Rose nicht. Bei der Bettlerin angekom-
men, stand der Dichter still und legte die weiße Rose in die geöffnete Hand
der alten Frau. Da geschah, was bisher noch nie geschehen war: Die Bettle-
rin sah zum Geber empor. Mehr noch: sie stand auf, griff nach der Hand des
fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Dichterose fort.

An den folgenden Tagen mied Rilke die Straße der Bettlerin. Die Freundin
hingegen konnte es nicht unterlassen, alle Tage den gewohnten Weg zu
gehen, nur um - wie sie sich selbst zur Entschuldigung sagte - der Bettlerin
die ihr täglich zustehende Münze zu geben. Doch zu hrer großen Verwunde-
rung traf sie die Bettlerin nicht an. Nach einer Woche hielt sie das Schweigen
nicht länger aus. Sie war entschlossen, mit dem Dichter über die Wirkung
seiner Gabe zu sprechen, und zwar sobald er das nächste Mal an der Bettle-
rinstraße vorübergehen wollte. Aber genau in dem Augenblick, da sie ihre
Frage stellen wollte, bog Rilke in die seit einer Woche gemiedene Straße ein.
"Jetzt können wir wieder hier entlanggehen, denn sie sitzt heute wieder an
ihrem Platz." Die Freundin war nur noch eine einzige Frage. Der Dichter hat-
te recht. Die alte Bettlerin saß wie gewohnt auf dem Mauerstück: stumm,
starr, unbeweglich, unbeteiligt. Und während die Rilke-Freundin eine Münze
in die ausgestreckte Hand legte, die größer war als je zuvor, und die Bettlerin
diese auf die übliche Weise verschwinden ließ, gab Rilke nichts. Die Freun-
din aber hatte eine Frage, die sie nicht unterdrücken konnte: "Wovon hat sie
all die Tage, da niemand Geld in ihre Hand legen konnte, gelebt?" 
Rainer Maria Rilke antwortete ihr: "Von der Rose!"

Aus: Hans Franck. Das Herzgeschenk. Hannover 1954.

Zurück zur anderen Fassung, die etwas kürzer aber ebenso treffend ist:

Rainer Maria Rike und die Rose.
Manchmal ist eine Rose wichtiger als ein Stück Brot.
Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes.

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äussern als nur immer die Hand auszustrecken, sass die Frau stets am gleichen Ort. 
Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. 

Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weisse Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.

Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. 
Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.  Nach acht Tagen sass plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand.

 "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?", frage die Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose . . . ."

Was zeigt uns das?
Die alte Frau, die Bettlerin, hatte nicht nur eine Rose empfangen, sondern Liebe und Zuneigung durch Rilke, symbolisch mit dem Empfang der Rose.

Vielleicht fühlte Sie sich in diesem Augenblick wie ein junges Mädchen, das von einem Verehrer ein Rose als Zeichen der Liebe empfängt. 
Aber, durch das Geschenk der Rose, bekam ihr Herz Nahrung – Lebenskraft und Mut, weiterhin durchzuhalten auch in ihrer schlechten Situation.

Die Rose sieht man und steht im Allgemeinen für das Symbol Liebe.
Unbestritten, dass jeder Mensch, um leben zu können, etwas zu essen und trinken braucht um nicht irgendwann zu verhungern oder verdursten. Odt übersehen wir aber dabei leider die Tatsache, dass wir nicht nur Nahrung und Getränke für unseren Körper benötigen, sondern auch für unsere Seele. Ohne diese Nahrung für Herz und Seele, ohne gute Worte, ohne Liebe, ohne Zuwendung, ohne Lächeln, ohne Lachen, ohne Freundlichkeit verkümmern unser Herz und unsere Seele. Für das Essen und Trinken zu sorgen ist eine Sache, wie es ja im Fall der Bettlerin auch geschehen ist, die Tag für Tag ihre Hand, um Almosen zu bekommen, hingehalten hat, aber innerlich ohne Zuwendung durch Liebe und Gesten
langsam stirbt.

Das Hoffnungsvolle aber ist, dass dieser Tod der Seele und des Herzens nicht endgültig ist
und das man diesen Zustand in jeder Minute, in jeder Sekunde dieses Lebens ändern kann, so wie Rilke das in der Geschichte durch das Überreichen der Rose tat. 
Zuwendung, Freundlichkeit, Liebe, die Rose war ein Zeichen dafür.
Sie zeigte du bist etwas wert, ja du bist mir etwas wert, ich begegne Dir mit Freundlichkeit und Liebe, ich schenke Dir Nahrung für dein Herz und deine Seele.

Durch Rilkes Beispiel wir sollten immer mehr erkennen, wie wichtig die Nahrung für das Herz und die Seele ist, man kann dies auch als geistige Nahrung bezeichnen, die wir auf mannigfaltige Art geben und empfangen können.

Dabei die ist Nahrung für das Herz und die Seele nicht teuer, es kostet wenig 
oftmals nur ein freundliches Lachen, eine liebevolle Zuwendung, eine herzliche Umarmung, ein gemeinsames Lachen, Dankbarkeit dem gegenüber, der mir etwas Gutes getan hat, 
im Beispiel Rilkes eine Rose als Ausdruck der Wertschätzung, 
ein kleiner selbst gepflückter Blumenstrauß oder aber nur ein Dankeschön um zu zeigen daß nichts Selbstverständlich ist. 

Die Nahrung für Herz und Seele ist genau so wichtig wie die buchstäbliche Nahrung
Das ist die Quintessenz, das Wichtigste an dieser Geschichte.


RAINER MARIA RILKE 1875-1926
immer unter Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke


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Rosen in Rilkes Dichtung

Rosenranken
Immer den gleichen Pfad

Ich geh jetzt immer den gleichen Pfad: 
am Garten entlang, wo die Rosen grad 
Einem sich vorbereiten; 
aber ich fühle: noch lang, noch lang 
ist das alles nicht mein Empfang, 
und ich muss ohne Dank und Klang 
ihnen vorüberschreiten.

Ich bin nur der, der den Zug beginnt,
dem die Gaben nicht galten;
bis die kommen, die seliger sind,
lichte, stille Gestalten, -
werden sich alle Rosen im Wind
wie rote Fahnen entfalten.

Rainer Maria Rilke

30.4.1898 , 
Florenz - Torre al Gallo [Maps-Google Torre al Gardo Florenz]

Via Torre al Gardo











RAINER MARIA RILKE 1875-1926
Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke

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QUOD VERUM TUTUM

Samstag, 15. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung

Peder Severin Kroyer, Rosen. Eingezäunter Garten mit Rosen und der Frau (Marie Kroyer) des Künstlers.


Gehst du außen Mauern entlang, kannst du die vielen Rosen ....

Gehst du außen Mauern entlang,
kannst du die vielen Rosen nicht schauen
in dem fremden Gartengang;
aber in deinem tiefen Vertrauen
darfst du sie fühlen wie nahende Frauen.

Sicher schreiten sie zwei zu zwein,
und sie halten sich um die Hüften, -
und die roten singen allein;
und dann fallen mit ihren Düften
leise, leise die weißen ein...


Rainer Maria Rilke

4.5.1898, Florenz (Ripoli) [Google Maps-Florenz Ripoli]


RAINER MARIA RILKE 1875-1926
Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke

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"QOUD VERUM TUTUM"
House of Courtenay

Freitag, 14. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung

Rosenschale

Die Rosenschale

Die Rosenschale

Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
zu einem Etwas sich zusammenballen,
das Hass war und sich auf der Erde wälzte
wie ein von Bienen überfallnes Tier;
Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,
rasende Pferde, die zusammenbrachen,
den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiss
als schälte sich der Schädel aus dem Maule.

Nun aber weißt du, wie sich das vergisst:
denn vor dir steht die volle Rosenschale,
die unvergesslich ist und angefüllt
mit jenem Äußersten von Sein und Neigen,
Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,
das unser sein mag: Äußerstes auch uns.

Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raum
zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
und Sich-bescheinendes - bis an den Rand:
ist irgend etwas uns bekannt wie dies?

Und dann wie dies: dass ein Gefühl entsteht,
weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?
Und dies: dass eins sich aufschlägt wie ein Lid,
und drunter liegen lauter Augenlider,
geschlossene, als ob sie, zehnfach schlafend,
zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.
Und dies vor allem: dass durch diese Blätter
das Licht hindurch muss. Aus den tausend Himmeln
filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,
in dessen Feuerschein das wirre Bündel
der Staubgefäße sich erregt und aufbäumt.

Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,
dass sie unsichtbar blieben, liefen ihre
Strahlen nicht auseinander in das Weltall.

Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug
und dasteht in den großen offnen Blättern
wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
und die errötende, die wie verwirrt
nach einer kühlen sich hinüberwendet,
und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,
und wie die kalte steht, in sich gehüllt,
unter den offenen, die alles abtun.
Und was sie abtun, wie das leicht und schwer,
wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel
und eine Maske sein kann, je nach dem,
und wie sie's abtun: wie vor dem Geliebten.

Was können sie nicht sein: war jene gelbe,
die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
gesammelter, orangeröter, Saft war?
Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn,
weil an der Luft ihr namenloses Rosa
den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
Und die batistene, ist sie kein Kleid,
in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
mit dem zugleich es abgeworfen wurde
im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
Und diese hier, opalnes Porzellan,
zerbrechlich, eine flache Chinatasse
und angefüllt mit kleinen hellen Faltern, -
und jene da, die nichts enthält als sich.

Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
und Dunkelheit der abendlichen Erde
bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
bis auf den vagen Einfluss ferner Sterne
in eine Hand voll Innres zu verwandeln.

Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.

Rainer Maria Rilke

um Neujahr 1907, Capri [ Google Maps.Capri ]

RAINER MARIA RILKE 1875-1926
Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke

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Donnerstag, 13. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung

Florenz

Erste Rosen erwachen

Erste Rosen erwachen,
und ihr Duften ist zag
wie ein leisleises Lachen;
flüchtig mit schwalbenflachen
Flügeln streift es den Tag;

und wohin du langst,
da ist alles noch Angst.

Jeder Schimmer ist scheu,
und kein Klang ist noch zahm,
und die Nacht ist zu neu,
und die Schönheit ist Scham.

Rainer Maria Rilke

9.5.1898, Florenz (San Miniato)
Google Maps- San Miniato

John William Waterhouse, the Soul of the Rose.

RAINER MARIA RILKE 1875-1926
Mit Rilke durch das Jahr-Rainer Maria Rilke

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Mittwoch, 12. Juni 2013

Rosen in Rilkes Dichtung.

Rainer Maria Rilke


O wo ist der, 
der aus Besitz und Zeit ....

O wo ist der, der aus Besitz und Zeit 
zu seiner großen Armut so erstarkte, 
dass er die Kleider abtat auf dem Markte 
und bar einherging vor des Bischofs Kleid. 
Der Innigste und Liebendste von allen, 
der kam und lebte wie ein junges Jahr; 
der braune Bruder deiner Nachtigallen, 
in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen 
und ein Entzücken an der Erde war. 

Denn er war keiner von den immer Müdern, 
die freudeloser werden nach und nach, 
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern 
ging er den Wiesenrand entlang und sprach. 
Und sprach von sich und wie er sich verwende 
so dass es allem eine Freude sei; 
und seines hellen Herzens war kein Ende, 
und kein Geringes ging daran vorbei. 

Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte, 
und seine Zelle stand in Heiterkeit. 
Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte 
und hatte seine Kindheit und Geschichte 
und wurde reif wie eine Mädchenzeit. 

Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern 
und das Vergessene zurück und kam; 
und eine Stille wurde in den Nestern, 
und nur die Herzen schrieen in den Schwestern, 
die er berührte wie ein Bräutigam. 

Dann aber lösten seines Liedes Pollen 
sich leise los aus seinem roten Mund 
und trieben träumend zu den Liebevollen 
und fielen in die offenen Corollen 
und sanken langsam auf den Blütengrund. 

Und sie empfingen ihn, den Makellosen, 
in ihrem Leib, der ihre Seele war. 
Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen, 
und voller Liebesnächte war ihr Haar. 

Und ihn empfing das Große und Geringe. 
Zu vielen Tieren kamen Cherubim 
zu sagen, dass ihr Weibchen Früchte bringe, - 
und waren wunderschöne Schmetterlinge: 
denn ihn erkannten alle Dinge 
und hatten Fruchtbarkeit aus ihm. 

Und als er starb, so leicht wie ohne Namen, 
da war er ausgeteilt: sein Samen rann 
in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen 
und sah ihn ruhig aus den Blumen an. 
Er lag und sang. Und als die Schwestern kamen, 
da weinten sie um ihren lieben Mann. 

Rainer Maria Rilke 
19. und 20.4.1903, Viareggio [Google-Maps]



Rainer Maria Rilke 1875-1926 [W]
Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke

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Dienstag, 11. Juni 2013

Rosenerben ....

Konstantin Korovin, Frau mit Rosen im Haar, (pinterest)


Weißt du, 
daß ich dir müde Rosen flechte ins Haar, 
das leis ein weher Wind bewegt - 
Siehst du den Mond 
wie eine silberechte Merkmünze, 
und dein Bild ist eingeprägt: 
ein Weib, 
das lächelnd dunkle Dornen trägt - 
Das ist das Zeichen toter Liebesnächte. 

Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben? 
Und jede läßt die Schwester schauernd los 
und muß allein verdarben und verderben, 
und alle fallen fahl in deinen Schoß. 
Dort sind sie tot. 
Ihr Leid war leis und groß. 

Komm in die Nacht. 
Und wir sind Rosenerben. 

Rainer Maria Rilke
~(1897)~


Paula Moderson Becker, Portrait von Clara Rilke Westhoff. 1905
Portrait mit Rose, Clara Rilke - Westhoff, Ehefrau von Rainer Maria Rilke.

Konstantin Korovin

Mit Rilke durch das Jahr - Rainer Maria Rilke

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Montag, 10. Juni 2013

Die 3. Duineser Elegie ....

Schloss Duino

Rilkes "Duineser Elegien"
Duineser Elegien ist der Titel einer Sammlung von zehn Elegien des Dichters Rainer Maria Rilke,
die 1912 begonnen und 1922 abgeschlossen wurden.

Duineser Elegien : Ihr Name leitet sich vom Schloss Duino bei Triest ab,
wo Rilke 1912 als Gast der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe zu Besuch war.

Die dritte Elegie

Eines ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe,
jenen verborgenen schuldigen Fluss-Gott des Bluts.
Den sie von weitem erkennt, ihren Jüngling, was weiß er
selbst von dem Herren der Lust, der aus dem Einsamen oft,
ehe das Mädchen noch linderte, oft auch als wäre sie nicht,
ach, von welchem Unkenntlichen triefend, das Gotthaupt
aufhob, aufrufend die Nacht zu unendlichem Aufruhr.
O des Blutes Neptun, o sein furchtbarer Dreizack,
o der dunkele Wind seiner Brust aus gewundener Muschel.
Horch, wie die Nacht sich muldet und höhlt. Ihr Sterne,
stammt nicht von euch des Liebenden Lust zu dem Antlitz
seiner Geliebten? Hat er die innige Einsicht
in ihr reines Gesicht nicht aus dem reinen Gestirn?


Du nicht hast ihm, wehe, nicht seine Mutter
hat ihm die Bogen der Braun so zur Erwartung gespannt.
Nicht an dir, ihn fühlendes Mädchen, an dir nicht
bog seine Lippe sich zum fruchtbarern Ausdruck.
Meinst du wirklich, ihn hätte dein leichter Auftritt
also erschüttert, du, die wandelt wie Frühwind?
Zwar du erschrakst ihm das Herz; doch ältere Schrecken
stürzten in ihn bei dem berührenden Anstoß.
Ruf ihn ... du rufst ihn nicht ganz aus dunkelem Umgang.
Freilich, er will, er entspringt; erleichtert gewöhnt er
sich in dein heimliches Herz und nimmt und beginnt sich.
Aber begann er sich je?
Mutter, du machtest ihn klein, du warsts, die ihn anfing;
dir war er neu, du beugtest über die neuen
Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden.
Wo, ach, hin sind die Jahre, da du ihm einfach
mit der schlanken Gestalt wallendes Chaos vertratst?
Vieles verbargst du ihm so; das nächtlich-verdächtige Zimmer
machtest du harmlos, aus deinem Herzen voll Zuflucht
mischtest du menschlichern Raum seinem Nacht-Raum hinzu.
Nicht in die Finsternis, nein, in dein näheres Dasein
hast du das Nachtlicht gestellt, und es schien wie aus Freundschaft.
Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest,
so als wüsstest du längst, wann sich die Diele benimmt...
Und er horchte und linderte sich. So vieles vermochte
zärtlich dein Aufstehn; hinter den Schrank trat
hoch im Mantel sein Schicksal, und in die Falten des Vorhangs
passte, die leicht sich verschob, seine unruhige Zukunft.


Und er selbst, wie er lag, der Erleichterte, unter
schläfernden Lidern deiner leichten Gestaltung
Süße lösend in den gekosteten Vorschlaf -:
schien ein Gehüteter... Aber innen: wer wehrte,
hinderte innen in ihm die Fluten der Herkunft?
Ach, da war keine Vorsicht im Schlafenden; schlafend,
aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich ein-ließ.
Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war,
mit des innern Geschehens weiterschlagenden Ranken
schon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachstum, zu tierhaft
jagenden Formen. Wie er sich hingab -. Liebte.
Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis,
diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein
lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die
eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung,
wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend
stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten,
wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes
Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.
Ja, das Entsetzliche lächelte... Selten
hast du so zärtlich gelächelt, Mutter. Wie sollte
er es nicht lieben, da es ihm lächelte. Vor dir
hat ers geliebt, denn, da du ihn trugst schon,
war es im Wasser gelöst, das den Keimenden leicht macht.


Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem
einzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,
unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,
dies: dass wir liebten in uns, nicht Eines, ein Künftiges, sondern
das zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,
sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgs
uns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flussbett
einstiger Mütter -; sondern die ganze
lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
reinen Verhängnis -: dies kam dir, Mädchen, zuvor.


Und du selber, was weißt du -, du locktest
Vorzeit empor in dem Liebenden. Welche Gefühle
wühlten herauf aus entwandelten Wesen. Welche
Frauen hassten dich da. Was für finstere Männer
regtest du auf im Geäder des Jünglings? Tote
Kinder wollten zu dir... O leise, leise,
tu ein liebes vor ihm, ein verlässliches Tagwerk, - führ ihn
nah an den Garten heran, gieb ihm der Nächte
Übergewicht......
                              Verhalt ihn......


Rainer Maria Rilke 

Duineser Elegien : Begonnen Anfang 1912, Duino, beendet im Herbst 1913, Paris.

Mit Rilke durch das Jahr : Rainer Maria Rilke

Semsakrebsler twittert Rilke

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Sonntag, 9. Juni 2013

Notizen zur Melodie der Dinge

Notizen zur Melodie der Dinge

Ich kann mir kein seligeres Wissen denken,
als dieses Eine:
daß man ein Beginner werden muß.
Einer der das erste Wort schreibt hinter einen
jahrhundertelangen
Gedankenstrich.

Rainer Maria Rilke



Die ganze Geschichte, der gesamte Text:

Notizen zur Melodie der Dinge

I. Ganz am Anfang sind wir, siehst du.
Wie vor Allem. Mit
Tausend und einem Traum hinter uns und
ohne Tat.

II. Ich kann mir kein seligeres Wissen denken,
als dieses Eine:
daß man ein Beginner werden muß.
Einer der das erste Wort schreibt hinter einen
jahrhundertelangen
Gedankenstrich.

III. Das fällt mir ein: bei dieser Beobachtung: daß wir die Menschen noch immer auf Goldgrund malen, wie die ganz Primitiven. Vor etwas Unbestimmtem stehen sie. Manchmals vor Gold, manchmals auch vor Grau. Im Licht manchmals, und oft mit unergründlichem Dunkel hinter sich.

IV. Man begreift das. Um die Menschen zu erkennen, mußte man sie isolieren. Aber nach einer langen Erfahrung ist es billig, die Einzelbetrachtungen wieder in ein Verhältnis zu setzen, und mit gereiftem Blick ihre breiteren Gebärden zu begleiten.

V. Vergleiche einmal ein Goldgrundbild aus dem Trecento mit einer von den zahlreichen späteren Kompositionen italienischer Frühmeister, wo die Gestalten zu einer Santa Conversazione vor der leuchtenden Landschaft in der lichten Luft Umbriens sich zusammenfinden. Der Goldgrund isoliert eine jede, die Landschaft glänzt hinter ihnen wie eine gemeinsame Seele, aus der heraus sie ihr Lächeln und ihre Liebe holen.

VI. Dann denke an das Leben selbst. Erinnere dich, daß die Menschen viele und bauschige Gebärden und unglaublich große Worte haben. Wenn sie nur eine Weile so ruhig und reich waren, wie die schönen Heiligen des Marco Basaiti, müßtest du auch hinter ihnen die Landschaft finden, die ihnen gemeinsam ist.

VII. Und es giebt ja auch Augenblicke, da sich ein Mensch vor dir still und klar abhebt von seiner Herrlichkeit. Das sind seltene Feste, welche du niemals vergißt. Du liebst diesen Menschen fortan. Das heißt du bist bemüht die Umrisse seiner Persönlichkeit, wie du sie in jener Stunde erkannt hast, nachzuzeichnen mit deinen zärtlichen Händen.

VIII. Die Kunst tut dasselbe. Sie ist ja die weitere, unbescheidenere Liebe. Sie ist die Liebe Gottes. Sie darf nicht bei dem Einzelnen stehen bleiben, der nur die Pforte des Lebens ist. Sie muß ihn durchwandern. Sie darf nicht müde werden. Um sich zu erfüllen muß sie dort wirken, wo Alle – Einer sind. Wenn sie dann diesen Einen beschenkt, kommt grenzenloser Reichtum über Alle.

IX. Wie weit sie davon ist, mag man auf der Bühne sehen, wo sie doch sagt oder sagen will, wie sie das Leben, nicht den Einzelnen in seiner idealen Ruhe, sondern die Bewegung und den Verkehr Mehrer(er) betrachtet. Dabei ergiebt sich, daß sie die Menschen einfach neben einander stellt, wie die im Trecento es taten, und es ihnen selbst überläßt sich mit einander zu befreunden über das Grau oder das Gold des Hintergrundes hin.

X. Und darum wird es auch so. Mit Worten und Gesten suchen sie sich zu erreichen. Sie renken sich fast die Arme aus, denn die Gebärden sind viel zu kurz. Sie machen unendliche Anstrengungen die Silben einander zuzuwerfen und sind dabei noch herzlich schlechte Ballspieler, die nicht auffangen können. So vergeht die Zeit mit Bücken und Suchen – ganz wie im Leben.

XI. Und die Kunst hat nichts getan, als uns die Verwirrung gezeigt in welcher wir uns meistens befinden. Sie hat uns beängstigt, statt uns still und ruhig zu machen. Sie hat bewiesen, daß wir jeder auf einer anderen Insel leben; nur sind die Inseln nicht weit genug um einsam und unbekümmert zu bleiben. Einer kann den Anderen stören oder schrecken oder mit Speeren verfolgen – nur helfen kann keiner keinem.

XII. Von Eiland zu Eiland giebt es nur eine Möglichkeit: gefährliche Sprünge, bei denen man mehr als die Fuße gefährdet. Ein ewiges Hin- und Herhüpfen entsteht mit Zufällen und Lächerlichkeiten; denn es kommt vor, daß zwei zueinander springen, gleichzeitig, so daß sie einander nur in der Luft begegnen, und nach diesem mühsamen Wechsel ebenso weit sind Eines vom Anderen – wie vorher.

XIII. Das ist weiter nicht wunderlich; denn in der Tat sind die Brücken zu einander, darüber man schön und festlich gegangen kommt, nicht in uns, sondern hinter uns, ganz wie auf den Landschaften des Fra Bartholome oder des Lionardo. Es ist doch so, daß das Leben sich zuspitzt in den einzelnen Persönlichkeiten. Von Gipfel zu Gipfel aber geht der Pfad durch die breiteren Tale.

XIV. Wenn zwei oder drei Menschen zusammenkommen, sind sie deshalb noch nicht beisammen. Sie sind wie Marionetten deren Drähte in verschiedenen Händen liegen. Erst wenn eine Hand alle lenkt, kommt eine Gemeinsamkeit über sie, welche sie zum Verneigen zwingt oder zum Dreinhauen. Und auch die Kräfte des Menschen sind dort, wo seine Drähte enden in einer haltenden herrschenden Hand.

XV. Erst in der gemeinsamen Stunde, in dem gemeinsamen Sturm, in der einen Stube, darin sie sich begegnen, finden sie sich. Erst bis ein Hintergrund hinter ihnen steht, beginnen sie miteinander zu verkehren. Sie müssen sich ja berufen können auf die eine Heimat. Sie müssen einander gleichsam die Beglaubigungen zeigen, welche sie mit sich tragen und welche Alle den Sinn und das Insiegel desselben Fürsten enthalten.

XVI. Sei es das Singen einer Lampe oder die Stimme des Sturms, sei es das Atmen des Abends oder das Stöhnen des Meeres, das dich umgiebt – immer wacht hinter dir eine breite Melodie, aus tausend Stimmen gewoben, in der nur da und dort dein Solo Raum hat. Zu wissen, wann Du einzufallen hast, das ist das Geheimnis deiner Einsamkeit: wie es die Kunst des wahren Verkehres ist: aus den hohen Worten sich fallen lassen in die eine gemeinsame Melodie.

XVII. Wenn die Heiligen des Marco Basaiti sich etwas anzuvertrauen hätten außer ihrem seligen Nebeneinandersein, sie würden sich nicht vorn im Bild, drin sie wohnen, ihre schmalen, sanften Hände reichen. Sie würden sich zurückziehen, gleich klein werden und tief im lauschenden Land über die winzigen Brücken zueinander kommen.

XVIII. Wir vorn sind ganz ebenso. Segnende Sehnsüchte. Unsere Erfüllungen geschehen weit in leuchtenden Hintergründen. Dort ist Bewegung und Wille. Dort spielen die Historien, deren dunkle Überschriften wir sind. Dort ist unser Vereinen und unser Abschiednehmen, Trost und Trauer. Dort sind wir, während wir im Vordergrunde kommen und gehen.

XIX. Erinnere dich an Menschen, die du beisammen fandest, ohne daß sie eine gemeinsame Stunde um sich hatten. Zum Beispiel Verwandte, die sich im Sterbezimmer einer wirklich geliebten Person begegnen. Da lebt die eine in dieser, die andere in jener tiefen Erinnerung. Ihre Worte gehen aneinander vorbei, ohne daß sie von einander wissen. Ihre Hände verfehlen sich in der ersten Verwirrung. – Bis der Schmerz hinter ihnen breit wird. Sie setzen sich hin, senken die Stirnen und schweigen. Es rauscht über ihnen wie ein Wald. Und sie sind einander nahe, wie nie vorher.

XX. Sonst, wenn nicht ein schwerer Schmerz die Menschen gleich still macht, hört der eine mehr, der andere weniger von der mächtigen Melodie des Hintergrundes. Viele hören sie gar nicht mehr. Sie sind wie Bäume welche ihre Wurzeln vergessen haben und nun meinen, daß das Rauschen ihrer Zweige ihre Kraft und ihr Leben sei. Viele haben nicht Zeit sie zu hören. Sie dulden keine Stunde um sich. Das sind arme Heimatlose, die den Sinn des Daseins verloren haben. Sie schlagen auf die Tasten der Tage und spielen immer denselben monotonen verlorenen Ton.

XXI. Wollen wir also Eingeweihte des Lebens sein, müssen wir zweierlei bedenken: Einmal die große Melodie, in der Dinge und Düfte, Gefühle und Vergangenheiten, Dämmerungen und Sehnsüchte mitwirken, – und dann: die einzelnen Stimmen, welche diesen vollen Chor ergänzen und vollenden.
Und um ein Kunstwerk, heißt: Bild des tieferen Lebens, des mehr als heutigen, immer zu allen Zeiten möglichen Erlebens, zu begründen, wird es notwendig sein die beiden Stimmen, die einer betreffenden Stunde und die einer Gruppe von Menschen darin, in das richtige Verhältnis zu setzen und auszugleichen.

XXII. Zu diesem Zweck muß man die beiden Elemente der Lebensmelodie in ihren primitiven Formen erkannt haben; man muß aus den rauschenden Tumulten des Meeres den Takt des Wogenschlages ausschälen und aus dem Netzgewirr täglichen Gespräches die lebendige Linie gelöst haben, welche die anderen trägt. Man muß die reinen Farben nebeneinanderhalten um ihre Kontraste und Vertraulichkeiten kennenzulernen.  Man muß das Viele vergessen haben, um des Wichtigen willen.

XXIII. Zwei Menschen, die in gleichem Grade leise sind, müssen nicht von der Melodie ihrer Stunden reden. Diese ist ihr an und für sich Gemeinsames. Wie ein brennender Altar ist sie zwischen ihnen und sie nähren die heilige Flamme fürchtig mit ihren seltenen Silben.
Setze ich diese beiden Menschen aus ihrem absichtlosen Sein auf die Bühne, so ist mir offenbar darum zu tun, zwei Liebende zu zeigen und zu erklären, warum sie selig sind. Aber auf der Szene ist der Altar unsichtbar und es weiß keiner sich die seltsamen Gesten der Opfernden zu erklären.

XXIV. Da giebt es nun zwei Auswege:
entweder die Menschen müssen sich erheben und mit vielen Worten und verwirrenden Gebärden zu sagen versuchen, was sie vorher lebten.
Oder:
ich ändere nichts an ihrem tiefen Tun und sage selbst diese Worte dazu:
Hier ist ein Altar, auf welchem eine heilige Flamme brennt. Ihren Glanz können Sie auf den Gesichtern dieser beiden Menschen bemerken.

XXV. Das Letztere erscheint mir einzig künstlerisch. Es geht nichts von dem Wesentlichen verloren; keine Vermengung der einfachen Elemente trübt die Reihe der Ereignisse, wenn ich den Altar, der die zwei Einsamen vereint, so schildere, daß Alle ihn sehen und an sein Vorhandensein glauben. Viel später wird es den Schauenden unwillkürlich werden, die flammende Säule zu sehen, und ich werde nichts Erläuterndes hinzu sagen müssen. Viel später.

XXVI. Aber das mit dem Altar ist nur ein Gleichnis, und ein sehr ungefähres obendrein. Es handelt sich darum, auf der Szene die gemeinsame Stunde, das worin die Personen zuworte kommen, auszudrücken. Dieses Lied, welches im Leben den tausend Stimmen des Tages oder der Nacht, dem Waldrauschen oder dem Uhrenticken und ihrem zögernden Stundenschlag überlassen bleibt, dieser breite Chor des Hintergrundes, der den Takt und Ton unserer Worte bestimmt, läßt sich auf der Bühne zunächst nicht mit den gleichen Mitteln begreiflich machen.

XXVII. Denn das was man »Stimmung« nennt und was ja in neueren Stücken auch teilweise zu seinem Rechte kommt, ist doch nur ein erster unvollkommener Versuch, die Landschaft hinter Menschen, Worten und Winken durchschimmern zu lassen, wird von den Meisten überhaupt nicht bemerkt und kam um seiner leiseren Intimität willen überhaupt nicht von Allen bemerkt werden. Eine technische Verstärkung einzelner Geräusche oder Beleuchtungen wirkt lächerlich, weil sie aus tausend Stimmen eine einzelne zuspitzt, so daß die ganze Handlung an der einen Kante hängen bleibt.

XXVIII. Diese Gerechtigkeit gegen das breite Lied des Hintergrundes bleibt nur erhalten, wenn man es in seinem ganzen Umfange gelten läßt, was zunächst sowohl den Mitteln unserer Bühne, wie der Auffassung der mißtrauischen Menge gegenüber untunlich erscheint. – Das Gleichgewicht kann nur durch eine strenge Stilisierung erreicht werden. Wenn man nämlich die Melodie der Unendlichkeit auf denselben Tasten spielt, auf denen die Hände der Handlung ruhen, das heißt das Große und Wortlose zu den Worten herunterstimmt.

XXIX. Dieses ist nichts anderes als die Einführung eines Chors, der sich ruhig aufrollt hinter den lichten und flimmernden Gesprächen. Dadurch daß die Stille in ihrer ganzen Breite und Bedeutung fortwährend wirkt, erscheinen die Worte vorn als ihre natürlichen Ergänzungen, und es kann dabei eine geründete Darstellung des Lebensliedes erzielt werden, welche sonst schon durch die Unverwendbarkeit von Düften und dunklen Empfindungen auf der Bühne, ausgeschlossen schien.

XXX. Ich will ein ganz kleines Beispiel andeuten; –
Abend. Eine kleine Stube. Am Mitteltisch unter der Lampe sitzen zwei Kinder einander gegenüber, ungern über ihre Bücher geneigt. Sie sind beide weit – weit. Die Bücher verdecken ihre Flucht. Dann und wann rufen sie sich an, um sich nicht in dem weiten Wald ihrer Träume zu verlieren. Sie erleben in der engen  Stube bunte und phantastische Schicksale. Sie kämpfen und siegen. Kommen heim und heiraten. Lehren ihre Kinder Helden sein. Sterben wohl gar.
Ich bin so eigenwillig, das für Handlung zu halten!

XXXI. Aber was ist diese Szene ohne das Singen der hellen altmodischen Hängelampe, ohne das Atmen und Stöhnen der Möbel, ohne den Sturm um das Haus. Ohne diesen ganzen dunklen Hintergrund, durch welchen sie die Fäden ihrer Fabeln ziehen. Wie anders würden die Kinder im Garten träumen, anders am Meer, anders auf der Terrasse eines Palastes. Es ist nicht gleichgültig, ob man in Seide oder in Wolle stickt. Man muß wissen, daß sie in dem gelben Canevas dieses Stubenabends die paar ungelenken Linien ihres Maeandermusters unsicher wiederholen.

XXXII. Ich denke nun daran, die ganze Melodie so wie die Knaben sie hören, erklingen zu lassen. Eine stille Stimme muß sie über der Szene schweben, und auf ein unsichtbares Zeichen fallen die winzigen Kinderstimmen ein und treiben hin, während der breite Strom durch die enge Abendstube weiterrauscht von Unendlichkeit zu Unendlichkeit.

XXXIII. Solcher Szenen weiß ich viele und breitere. Je nach ausdrücklicher ich meine allseitiger Stilisierung oder vorsichtiger Andeutung derselben, findet der Chor auf der Szene selbst seinen Raum und wirkt dann auch durch seine wachsame Gegenwart, oder sein Anteil beschränkt sich auf die Stimme, die, breit und unpersönlich, aus dem Brauen der gemeinsamen Stunde steigt. In jedem Fall wohnt auch in ihr, wie im antiken Chor, das weisere Wissen; nicht weil sie urteilt über das Geschehen der Handlung, sondern weil sie die Basis ist, aus der jenes leisere Lied sich auslöst und in deren Schooß es endlich schöner zurückfällt.

XXXIV. Die stilisierte, also unrealistische Darstellung halte ich in diesem Fall nur für einen Übergang; denn auf der Bühne wird immer diejenige Kunst am willkommensten sein, welche lebensähnlich und in diesem äußeren Sinne »wahr« ist. Aber dieses gerade ist der Weg zu einer selbst sich vertiefenden, innerlichen Wahrheit: die primitiven Elemente zu erkennen und zu verwenden. Hinter einer ernsten Erfahrung wird man die begriffenen Grundmotive freier und eigenwilliger brauchen lernen und damit auch wieder dem realistischen, dem zeitlich Wirklichen näher kommen. Es wird aber nicht dasselbe sein wie vorher.

XXXV. Diese Bemühungen erscheinen mir notwendig, weil sonst die Erkenntnis der feineren Gefühle die eine lange und ernste Arbeit sich errang, im Lärm der Bühne ewig verloren gehen »würde«. Und das ist schade. Von der Bühne her kann, wenn es tendenzlos und unbetont geschieht, das neue Leben verkündet, das heißt auch denen vermittelt werden, die nicht aus eigenem Drang und eigener Kraft seine Gebärden lernen. Sie sollen nicht bekehrt werden von der Szene her. Aber sie sollen wenigstens erfahren: das giebt es in unserer Zeit, eng neben uns. Das ist schon Glückes genug.

XXXVI. Denn es ist fast von der Bedeutung einer Religion, dieses Einsehen: daß man, sobald man einmal die Melodie des Hintergrundes gefunden hat, nicht mehr ratlos ist in seinen Worten und dunkel in seinen Entschlüssen. Es ist eine sorglose Sicherheit in der einfachen Überzeugung, Teil einer Melodie zu sein, also einen bestimmten Raum zu Recht zu besitzen und eine bestimmte Pflicht an einem breiten Werke zu haben, in dem der Geringste ebensoviel wertet wie der Größte. Nicht überzählig zu sein, ist die erste Bedingung der bewußten und ruhigen Entfaltung.

XXXVII. Aller Zwiespalt und Irrtum kommt davon her, daß die Menschen das Gemeinsame in sich, statt in den Dingen hinter sich, im Licht, in der Landschaft im Beginn und im Tode, suchen. Sie verlieren dadurch sich selbst und gewinnen nichts dafür. Sie vermischen sich, weil sie sich doch nicht vereinen können. Sie halten sich aneinander und können doch nicht sicheren Fuß fassen, weil sie beide schwankend und schwach sind; und in diesem gegenseitigen Sich-stützen-wollen geben sie ihre ganze Stärke aus, so daß nach außen hin auch nicht die Ahnung eines Wellenschlages fühlbar wird.

XXXVIII. Jedes Gemeinsame setzt aber eine Reihe unterschiedener einsamer Wesen voraus. Vor ihnen war es einfach ein Ganzes ohne jegliche Beziehung, so vor sich hin. Es war weder arm noch reich. Mit dem Augenblick, wo verschiedene seiner Teile der mütterlichen Einheit entfremden, tritt es in Gegensatz zu ihnen; denn sie entwickeln sich von ihm fort. Aber es läßt sie doch nicht aus der Hand. Wenn die Wurzel auch nicht von den Früchten weiß, sie nährt sie doch.

XXXIX. Und wie Früchte sind wir. Hoch hangen wir in seltsam verschlungenen Asten und viele Winde geschehen uns. Was wir besitzen, das ist unsere Reife und Süße und Schönheit. Aber die Kraft dazu strömt in einem Stamm aus einer über Welten hin weit gewordenen Wurzel in uns Alle. Und wenn wir für ihre Macht zeugen wollen, so müssen wir sie jeder brauchen in unserem einsamsten Sinn. Je mehr Einsame, desto feierlicher, ergreifender und mächtiger ist ihre Gemeinsamkeit.

XXXX. Und gerade die Einsamsten haben den größten Anteil an der Gemeinsamkeit. Ich sagte früher, daß der eine mehr, der andere weniger von der breiten Lebensmelodie vernimmt; dem entsprechend fallt ihm auch eine kleinere oder geringere Pflicht in dem großen Orchester zu. Derjenige, welcher die ganze Melodie vernähme, wäre der Einsamste und Gemeinsamste zugleich. Denn er würde hören, was Keiner hört, und doch nur weil er in seiner Vollendung begreift, was die anderen dunkel und lückenhaft erlauschen.



Quelle:
Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke. Band 1–6, Band 5, Wiesbaden und Frankfurt a.M. 
1955–1966, S. 412-426.
Gemeinfrei

RAINER MARIA RILKE

Geo ::.

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