Dieser Brief handelt allerdings nicht von Capri, wie im Abschluss vom Teil I. genannt,
aber zu Capri gibt es noch interessantes zu bemerken.
Das Gästebuch der Villa Discopoli- [ Villa Discopoli Capri ]stellt ein schönes Dokument von Rilkes Aufenthalt in der Villa Discopoli auf Capri dar, wohin er als Gast von Frau Alice Faehndrich, geb. Freiin von Nordeck zur Rabenau - der Schwester von Luise Gräfin Schwerin -, eingeladen worden war.
Der Dichter lebte 1906/07 "vom 4. Dezember bis zum 15. May das Leben des Rosenhäusl's aufmerksam und dankbar", wie er am Tag vor seiner Abreise festhält.
Auch seine Gattin Clara war zweimal zu Gast in der mondänen Villa:
Am 14. Jänner dankt sie - die sich auf dem Wege nach Ägypten befand - "für zwei schöne Tage in der Discopoli als ein unerwartetes Geschenk auf der Durchreise empfangen - zwischen Berlin und Egypten", und nach ihrer Rückkehr verbringt sie gemeinsam die letzten Wochen mit ihrem Gatten:
"am 20. April aus Egypten zurückgekehrt wurde ich aufgenommen und verwöhnt bis zum 15. Mai in der lieben Discopoli".
Rilkes knappe, desungeachtet aber dankbare Eintragung verrät nicht, daß hier die "Improvisationen aus dem Capreser Winter" entstanden, die bereits über die "Neuen Gedichte" hinausweisen. Während des Aufenthaltes dürfte Rilke - folgt man den zeitgleichen Eintragungen des Gästebuchs - u. a. mit Wolfgang von Tirpitz, dem Sohn Alfreds von Tirpitz, Ferdinand von Martitz oder Franz von Niebelschütz zusammengetroffen sein.
Die folgenreichste Begegnung hingegen war die mit der jungen Gräfin Manon
zu Solms-Laubach, eine Nichte des Erbgrafen Friedrich (1833-1900). Nach ihrem Aufenthalt entspann sich ein Briefwechsel, der seitens Rilkes bis 1913 19 Briefe und eine kalligraphisch ausgeführte Abschrift seines "Panther" umfaßte. -
Mit der Schwester seiner Gastgeberin Alice - die im Gästebuch als Alla aufscheint -, mit Luise Gräfin von Schwerin, geb. Nordeck zu Rabenau, waren Rilke und seine Gattin bereits seit 1905 bekannt, da sie während eines Kuraufenthalts in Dresden einander im Weißen Hirschen zum ersten Mal begegneten.
Zu Beginn seines langen Aufenthaltes war Rilke noch ganz für sich, doch fand die Abgeschiedenheit mit der Ankunft von Alice, Julie von Nordeck - die als Nonna aufscheint - und Manon zu Solms-Laubach ihr Ende.
"Das Erkunden Anacapris, der Aufstieg auf den Monte Solaro, oder der Besuch der Grotte von Migliera und der kleinen Kirche Sarita Maria a Cetrella erschlossen eine Landschaft wie die Griechenlands.
An den Abenden waren die Damen ein aufmerksames Publikum, wenn sie bei ihren Handarbeiten saßen oder für ihn einen Apfel schälten, bereit, seine Tagesarbeit zu hören."
[ Aus Donald A. Prater, Ein klingendes Glas. Das Leben R. M. Rilkes, Hamburg 1989]
Hier zwei Gedichte über Capri, die Rilke in "Der neuen Gedichte anderer Teil" schreibt:
Lied vom Meer
Capri. Piccola Marina
Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so muss er sehn, wie er
dich übersteht:
uraltes Wehn vom Meer
welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein...
O wie fühlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.
Rainer Maria Rilke,
vor dem 26.1.1907, Capri
Papageien-Park
Jardin des Plantes, Paris
Unter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern,
in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Ständern
atmen die Ara und wissen von ihren Ländern,
die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verändern.
Fremd im beschäftigten Grünen wie eine Parade,
zieren sie sich und fühlen sich selber zu schade,
und mit den kostbaren Schnäbeln aus Jaspis und Jade
kauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.
Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mögen,
während sich oben die höhnischen Vögel verbeugen
zwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trögen.
Aber dann wiegen sie wieder und schläfern und äugen,
spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen,
zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.
Rainer Maria Rilke,
Herbst 1907, Paris, oder Frühjahr 1908, Capri
und noch einige Daten aus der Schaffensperiode Rilkes von 1900 bis 1911:
1900 unternimmt Rilke die zweite Rußland-Reise mit Lou. Er begenet Tolstoi. Gegen Herbst folgt er einer Einladung des Malers Heinrich Vogeler in die Künstler-Kolonie Worpswede. Er nimmt an, behält aber seine Wohnung in Berlin bis 1901. Er beginnt das "Worpsweder Tagebuch". "Vom lieben Gott und Anderes" wird veröffentlicht.
1901, am 28. April heiratet er die Bildhauerin Clara Westhoff (1878-1954), die er in Worpswede kennen lernte. Am 12. Dezember kommt die Tochter Ruth zur Welt (1901-1972). Er schreibt weiter am "Stundenbuch". "Die Letzten" wird veröffentlicht. "Das tägliche Leben" wird uraufgeführt.
1902 lebt Rilke mit seiner Frau und seiner Tochter in Westerwede. Das Ehepaar trennt sich in diesem Jahr. Rilke sah sein Schaffen, seine Einsamkeit bedroht (Schiller sagte einmal, die Frau eines Künstlers müsse "die Hüterin seiner Einsamkeit" sein; Rilke gebraucht den Begriff "Wächterin") Rilke reist. Er lebt ab Oktober in Paris, wo er als Sekretär des weltberühmten Bildhauers Auguste Rodin arbeitet. Er schreibt nicht nur für, sondern auch über ihn. "Das tägliche Leben" und das "Buch der Bilder" werden veröffentlicht.
1903 reist Rilke nach Italien und in Frankreich. Er schreibt weiter am "Stundenbuch". Das "Worpsweder Tagebuch" und "Auguste Rodin" werden veröffentlicht.
1904 lebt Rilke bis Juni in Rom. Für den Rest des Jahres hält er sich in Dänemark und Schweden auf. Er beginnt die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", in denen er seine Paris-Erfahrungen verarbeitet. Er fängt die Schrecken der Großstadt ebenso auf wie die Unwägbarkeiten der heraufziehenden Moderne. Die zweite Fassung der "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" erscheint.
1905 trifft er dem Verleger Anton Kippenberg und beginnt die Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag. Das "Stundenbuch" erscheint.
1906, am 14. März stirbt der Vater in Prag. Das "Buch der Bilder" wird in einer zweiten Auflage gedruckt.
1907 reist Rilke, u.a. nach Capri. Die "Neuen Gedichte" erscheinen im Dezember.
1908 lebt Rilke wieder auf Capri. Im November schreibt Rilke die Requien für Paula Modersohn-Becker ("Für eine Frendin") und für Wolf Graf von Kalckreuth. Das Requiem für den verstorbenen Grafen schließt mit der berühmten Wendung: "Wer spricht von siegen? Überstehn ist alles." "Der neuen Gedichte anderer Teil" erscheint.
1909 wohnt Rilke in Paris. Er lernt die Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe kennen.
1910 folgt Rilke einer Einladung der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe auf das Schloß Duino. Die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" erscheinen. Dies bleibt Rilkes einziger Roman. Seine sonstige Prosa (z.B. "Die Turnstunde", 1902) findet man in seinen Briefen. Der "Malte" ist einem Tagebuch ohne durchgängige Handlung, in lyrischer Sprache. Er ist auf menschliche Weise - schrecklich. Rilke sagt in einem Brief, er sei wie eine negative Form, aus der sich, wenn man sie denn ausgösse, etwas wunderbares ergibt.
1911 lebt Rilke in Paris und, einer Einladung der Fürstin Marie von Thurn und Taxis (1855-1934) folgend, auf Schloß Dunio in der Adria.
Und nun Rilkes Brief an seine Frau, Clara Rilke-Westhoff:
An Clara Rilke
.... das ist das erste, was ich an meinem Stehpult tue, Deinen lieben Brief beantworten ....
Ich kann mir gar nicht denken, daß Du inzwischen schon wieder gereist bist, und bewundere Deine rasche, gute Entschlossenheit.
All das, während ich nur vom Quai Voltaire hierher übergesiedelt bin (wo das Akklimatisieren nun doch nicht so leicht ist, wie ich annahm. Vielleicht, weil ich nicht dasselbe Zimmer habe, vielleicht, weil die Atmosphäre dieser Maisons meublees zunächst immer so beunruhigend drückend ist - von so betonter Heimatlosigkeit.
So werde ich doch wieder etwas Zeit verlieren, obwohl ich mir versprach, es nicht zu tun; und solang ich Quai Voltaire wohnte, meinte ich auch, es gelänge ohne Verlust ...)
Meine Hortensie hat bei Dora gut überwintert, ist wieder ganz hoch und hat viele Knospendolden am Fuße ihrer obersten Blätter: etwa so, wie die in der Discopoli (Villa discopoli Capri) im Cortile standen.
Dora Pejacevic
war eine kroatische Komponistin und Mitglied des Adelsgeschlechts Pejacevic'.
Das freut mich, und das zögert nicht und hat Vertrauen und lebt schon in meiner fremden Stube und kann gar nicht anders als leben. (Wir können zu viel anderes.) Dora reist etwa in einer Woche fort; sie grüßt Dich sehr; sie hat mir manche nützliche Besorgung gemacht und hat die Fähigkeit, furchtbar billig einzukaufen.
Svarstad, Anders Castus : Den svenske malerinne Tora Holmström 1907
Tora Holmström sandte Dir auch viele herzliche Grüße; sie ist schon nach Schweden zurückgereist; ich konnte sie grade nur noch einmal sehen....
Hier bin ich nun schon an vielen Orten wieder gewesen.
Dienstag im Bagatelle-Schlößchen, wo eine Ausstellung von Frauenbildnissen aus den Jahren 1870-1900 stattfindet. Ein wunderbarer Manet lohnt alles andere überreichlich.
Edouard Manet
Das ist ein Maler,- mir fängt er ganz von neuem an aufzugehen nach diesem Porträt und nach dem unglaublichen Dejeuner sur l'herbe,Edouard Manet - Dejeuner sur l'herbe. Das Frühstück im Grünen.
das ich heute im Louvre in der neueingerichteten Sammlung Moreau-Nelaton sah.Das ist ein Maler, immer noch und immer wieder und erst recht.
Carriere war doch im Unrecht, und Van Gogh ist etwas anderes, etwas unerbittlich auf Ausdruck Versessenes, das die Malerei zwingt. Mit ihm ist noch nie Gemaltes hereingekommen, mit Manet aber alles Malbare. (Das klingt merkwürdig; denn im Sinne der Malerei muß eben alles malbar sein; ja, ist es aber noch nicht, und Van Gogh wollte, es sei, sei, sei.)
Vincent van Gogh - Nachtcafe.
Bei Bernheim jeune sah ich Van Goghs: ein Nachtcafe, spät, öde, wie als wenn man mit übernächtigen Augen sähe. [Interessant : Bernheim jeune - History ]Wie er da die alte Lampenluft gemacht hat (indem er Kreise konzentrisch um die Hänelampen herumgezogen hat, die so allmählich in den Raum sich auflösen), das ist lange nicht mehr Malerei, aber es ist mit Farben erzwungen, und es überwältigt: man wird ordentlich alt, welk und schlaftrunken trostlos davor.
Aristide Maillol - Mädchentorso.
Dort sind auch Maillols: sehr, sehr schöne. Ein Mädchentorso, noch im Ton (soll gebrannt werden), der unbeschreiblich ist. Und gleichzeitig wird auch wieder eine bekannte Japan-Sammlung dieser Tage versteigert, die man auch noch sehen müßte!.... Aber das Schwere, das Bange ist auch immer ir-gendwie da - es ist eben wieder alles:
wie immer in Paris. Danke für Deine Aufzeichnungen von unterwegs.
Vielleicht hast Du in vielem Sinne recht.
Berthe Morisot - Manet.
Ich dachte es heute bei zwei Bildern von Berthe Morisot: die sind um Manets willen gemalt,Marie Bashkirtseff
und die Bashkirsheff malte für Bastien Lepage aus ihm, um seinetwillen.
Was wir um Gottes willen tun, tun die Frauen das immer für einen Mann?
Aber Menschliches und Göttliches ist gleich unerreichbar:
so könnte ihre Aufgabe darum doch weit und persönlich und eigen werden? Guten Sonntag nun ....
29, rue Cassette, Paris VIe, Freitag nachmittag [ 7.6.07 ]
Teil III. - Wird fortgesetzt im nächsten Sonntagsthema.
3.7.11 So
Q.u.T: Quellen, Texte und Bilder:
Rainer Maria rilke über moderne Malerei. IT2564, Wikipedia,
Gedichte von Rainer Maria Rilke. Briefe.
Donald A. Prater, Ein klingendes Glas. Das Leben R. M. Rilkes, Hamburg 1989
Eigene Scans. Wikipedia.GooglePictures. Links und [ ] eigene Anmerkungen.
Google Maps: Quai Voltaire
Quai Voltaire - nach 29, rue Cassette, Paris VIe
Quai Voltaire
29, rue Cassette, Paris VIe
Dora Pejacevic'
Dora Pejacevic' * 10. September 1885 in Budapest; † 5. März 1923 in München, war eine kroatische Komponistin und Mitglied des Adelsgeschlechts Pejacevic'.
Tora Vega Holmström
Tora Vega Holmström Anna Tora Elisabeth Vega Holmström, född 2 mars 1880 i Tottarp i Skåne, död 28 januari 1967, var en svensk konstnär.
Adolphe Étienne Auguste Moreau-Nélaton
* 2. Dezember 1859 in Paris,
† 25. April 1927 Paris,
war ein französischer Maler, Kunstsammler und Kunsthistoriker.
Seine umfangreichen Kunstsammlungen stiftete er, teilweise schon zu Lebzeiten,
den staatlichen französischen Museen.
Hier zBsp.: von Berthe Morrisot - Berthe Morisot Caça de borboleta
Édouard Manet
Édouard Manet * 23. Januar 1832 in Paris,
† 30. April 1883 Paris,
war ein französischer Maler. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Malerei.
Eugène Carrière
* 18. Januar 1849 in Gournay-sur-Marne,
† 27. März 1906 in Paris,
war ein französischer Maler und Lithograf.
Der Symbolist ist bekannt für seine Porträts von Künstlern und Dichtern seiner Zeit sowie für düstere, schemenhaften Gemälde von Frauen und Kindern.
Aristide Maillol (katalanisch Aristides Maillol,
* 8. Dezember 1861 in Banyuls-sur-Mer, Pyrénées-Orientales,
† 27. September 1944 Banyuls-sur-Mer, Pyrénées-Orientales,
war ein französischer Bildhauer, Maler und Grafiker.
Er galt in Frankreich als der wichtigste Antipode Auguste Rodins
und beeinflusste die europäische Plastik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Aristide Maillol 1899 (Porträt von József Rippl-Rónai)
Aristide Maillol
Stuttgart, Schlossplatz, Skulptur „La Nuit“ (Die Nacht) von Aristide Maillol
József Rippl-Rónai - Selbstbildnis(1924), Ungarische Nationalgalerie (Budapest)
József Rippl-Rónai * 23. Mai 1861 in Kaposvár,
† 25. November 1927 Kaposvár,
war ein Maler des Symbolismus und Spätimpressionismus
und ein Wegbereiter der Moderne in der ungarischen Malerei.
Berthe Morisot
Berthe Marie Pauline Morisot * 14. Januar 1841 in Bourges,
† 2. März 1895 in Paris, auch Berthe Manet, war eine französische Malerin des Impressionismus.
Marie Bashkirtseff
Marie Bashkirtseff Maria Konstantinowna Baschkirzewa,
* 24. November 1858 oder 1860 in Gawronzi bei Dykanka,
Gouvernement Poltawa, Russisches Kaiserreich,
heute Oblast Poltawa, Ukraine,
† 31. Oktober 1884 in Paris, war eine russische Malerin. Ihr Werk ist dem Naturalismus zuzuordnen.
Die postume Edition ihres Tagebuchs 1887 avancierte zu einem Kultbuch ihrer Frauengeneration.
Ihr Leben wurde mehrmals verfilmt, unter anderem in Italien mit der Schauspielerin Isa Miranda.
Bashkirtseff liegt auf dem Pariser Friedhof von Passy bestattet.
Jules Bastien-Lepage
Jules Bastien-Lepage * 1. November 1848 in Damvillers,
Département Meuse, Lothringen,
† 10. Dezember 1884 in Paris,
war ein französischer Maler. Sein Werk ist dem Naturalismus zuzuordnen.
Jules Bastien-Lepage war mit der russischen Malerin und Schriftstellerin Marie Bashkirtseff befreundet.
Er starb 1884 im Alter von 36 Jahren fast zeitgleich mit ihr und wurde auf dem Friedhof seines Heimatortes bestattet.
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Wir sollen nur tiefer und wunderbarer hängen an dem, was war,
und lächeln: ein wenig klarer vielleicht als vor einem Jahr....
Rainer Maria Rilke.
Danke für den Kommentar.
Herzlichst,
George de Courtenay