Donnerstag, 1. September 2016

RINER MARIA RILKE

Rainer Maria Rilke



Rainer Maria Rilke,

Zeichnung von Baladine Klossowska (Merline)


"Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!" 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 
Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.
Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 - 1926

Mittwoch, 3. August 2016

KALENDERBLATT

KALENDERBLATT
 08.2016



Monatsbild August 
Es zeigt den Ausritt einer eleganten Gesellschaft zur Falkenjagd
Die lange Stange, die der Falkner mit sich führt, diente zum Aufschrecken der Beutevögel.



Rilke im Wallis.



AUGUST

Wenn Sie sich an die Natur halten,
an das Einfache, an das Kleine,
das kaum einer sieht, 
und das so unversehens zum Großen und 
Unermeßliehen werden kann: 
wenn Sie diese Liebe haben zu dem Geringen und
ganz schlicht als ein Dienender
das Vertrauen dessen zu gewinnen
suchen, was arm erscheint: 
dann wird Ihnen alles leichter, einheitlicher und
irgendwie versöhnender werden,
nicht im Verstände vielleicht, der staunend zurückbleibt, 
aber in Ihrem innersten Bewußtsein, 
Wach-sein und Wissen.


RAINER MARIA RILKE


03
08    Aus: Briefe, An Franz Xafer Kappus
"Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!" 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 
Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.
Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 - 1926

Montag, 1. August 2016

LIEBE

Lyriker


LIEBE
LIEBEN

Rose
Liebe

Hier ist das Wunder,
das allen immer widerfährt, die wirklich lieben;
je mehr sie geben,
desto mehr besitzen sie von der kostbaren erhaltenden Liebe,
die Blumen und Kindern Stärke verleiht und
die allen Menschen helfen könnte,
wenn sie sie ohne Zweifel hinnähmen.



Du, Hände, welche immer geben, 
die müssen blühn von fremdem Glück.
Zart wie ein zages Birkenbeben 
bleibt von dem gebenden Erleben 
ein Rhythmenzittern drin zurück.

Das sind die Hände mit den schmalen
Gelenken, die sich leise mühn; 
und wüßten die von Kathedralen, 
sie müßten sich in Wundenmalen 

vor allem Volke heiligblühn.

Rainer Maria Rilke 

01

08


Aus: Rilke. Sämtliche Werke
"Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!" 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 
Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.
Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 - 1926

Sonntag, 31. Juli 2016

LIEBEN

Rainer Maria Rilke : Erste Gedichte

XIV

Es leuchteten im Garten die Syringen,
von einem Ave war der Abend voll, -
da war es, daß wir voneinander gingen
in Gram und Groll.

Die Sonne war in heißen Fieberträumen
gestorben hinter grauen Hängen weit,
und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
dein weißes Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen
und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
das lange in ein helles Licht gesehen:
Bin ich jetzt blind? -

XV

Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines, -
dann fühl ich mich so ernst und alt, -
wenn nur ganz leis dein glockenreines
Gelächter in mir widerhallt.

Wenn dann in großem Kinderstaunen
dein Auge aufgeht, tief und heiß, -
möcht ich dich küssen und dir raunen
die schönsten Märchen, die ich weiß.

XVI

Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,
nach einem kurzen, dummen Wunderwahn ...
Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
da hör ichs nahn ...

Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,
in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn, -
dann unter schattenschweren Blütenbäumen
seh ich es nahn.

In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,
am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,
am Herzen jene Blume nur, die rote,
trug es die auch? ...

XVII

Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,
vom Abschiedsweh die Augen Beide rot ...
"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."
Ich sagte bang: "Die sind schon tot."

Mein Wort war lauter Weinen. - In den Äthern
stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,
und eine Dohle schrie von fern. -

Samstag, 30. Juli 2016

LIEBEN

Rainer Maria Rilke : Erste Gedichte

Fortsetzung  vom letzten Post ....

Liebe
Lieben


Lieben


VII

Blondköpfchen hinter den Scheiben
hebt es sich ab so fein, -
sternt es ins Stäubchentreiben
oder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe,
das mich gefesselt hält,
oder das Stäubchengetriebe
dort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum andern hinüber.
Heimlich, die Stirne voll Ruh
schreitet der Abend vorüber ...
Und wir? Wir sehn ihm halt zu. -

VIII

Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.
Sie findet im Klee einen Vierling ...
Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
Die Löwenzähne mit blondem Haar
betreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,
der strotzige, lose Geselle.
Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
des Windes wallende Welle ...

IX

Ich träume tief im Weingerank
mit meiner blonden Kleinen;
es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
im heißen Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huscht
das Licht hin im Reflexe,
und violetter Schatten tuscht
ins weiße Kleid ihr Kleckse.

In unsrer Brust liegt glückverschneit
goldsonniges Verstummen.
Da kommt in seinem Sammetkleid
ein Hummel Segen summen ...

X

Es ist ein Weltmeer voller Lichte,
das der Geliebten Aug umschließt,
wenn von der Flut der Traumgesichte
die keusche Seele überfließt.

Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers
so wie ein Kind, das stockt im Lauf,
geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
die Flügeltüre lautlos auf.

XI

Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:
Heut kommt Base Olga zu Gaste.
Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies,
ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.

Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang
und frischte sich mäßig die Kehle;
und wie mein Glas an das deine klang,
da ging mir ein Riß durch die Seele.

Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß
mich dem Plaudern der andern zu einen,
denn tief im trockenen Halse saß
mir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke. - Du sprachst vom Glück
und küßtest die Lippen mir lange,
und ich gab dir fiebernde Küsse zurück
auf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest du leise die Augen zu,
die Wonne blind zu ergründen ....
Und mir ahnte im Herzen: Da wärest du
am liebsten gestorben in Sünden ....

Freitag, 29. Juli 2016

LIEBEN

Gedichte

Liebe

Lieben
Rainer Maria Rilke Erste Gedichte
Lieben


I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? - Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele ....

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, -
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht ....
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, -
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht ....

DER BAU

Gedichte




Der Bau

Die moderne Bauschablone
will mir wahrlich gar nicht passen.
Hier, dies alte Haus darf fassen
reiche, weite Steinterrassen,
kleine, heimliche Balkone.

Und die weitgewölbten Decken,
die so günstig sind den Lauten,
Nischen rings, die eingebauten,
draus die Arme sich der trauten
Dämmrung dir entgegenstrecken.

Alle Mauern breiter, stärker
und aus echten Quaderkernen; -
traun, das Gruseln könnt ich lernen,
seh ich auf die Zinskasernen
aus dem kleinen, stillen Erker.

Rainer Maria Rilke
1895

Aus: Erste Gedichte
29
07
"Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!" 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 
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sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.
Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 - 1926

Donnerstag, 28. Juli 2016

ROSE ....

Rainer Maria Rilke



Childe Hassam
Frau schneidet Rosen im Garten

Rose, 
gegen wen
habt ihr die Dornen
angenommen ?
Ein freudiges und feines
Empfinden hat Euch wohl
dazu gezwungen, diese scharfen
Waffen auszuwählen ?

Aber vor wem schützt Euch denn
solch übertriebene Armierung ?
Wieviele Feinde habe ich schon
von Euch hinweggejagt,
die nichts erschreckte.
Vom Sommer bis zum späten Herbst
habt Ihr - im Gegenteil - verletzt,
was man an Sorgfalt angewandt.



Rainer Maria Rilke


Aus: XII. Gedicht aus dem Rosen-Zyklus
28
07

Das ist die Sehnsucht: 
wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit.
"Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!" 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 
Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.
Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 - 1926